Startseite

Serumspiegelbestimmung bei Antibiotikatherapie im Krankenhaus

Die Apotheke des Marienhospitals Gelsenkirchen ist eine der wenigen Krankenhausapotheken weltweit, die Serumspiegelbestimmungen von β–Lactam-Antibiotika bei Patienten auf der Intensivstation vornehmen. Was verbirgt sich dahinter und wie profitieren kritisch kranke Patienten und Krankenhaus?

1. Aufbereitung der Blutprobe

2. Befundung

3. Besprechung der individuellen Dosierung

Immer wieder wird in den Medien darüber berichtet, dass ein Patient auf eine Behandlung mit Antibiotika nicht reagiert. Außerdem nehmen Antibiotikaresistenzen, insbesondere bei multiresistenten Keimen, stetig zu. Um auch in der Zukunft wirksame Therapien durchführen zu können, müssten eigentlich immer neuere Antibiotika entwickelt werden. Jedoch ist damit in den nächsten Jahren nicht zu rechnen. 

Bei der herkömmlichen Standardtherapie wird das Antibiotikum in Intervallen verabreicht. Hierdurch schwankt die Antibiotikakonzentration im Körper stark. Bei konzentrationsabhängigen Antibiotika (hierzu zählen Penicillin und andere β-Lactam-Antibiotika) muss jedoch die sogenannte Minimale Hemmkonzentration während der gesamten Therapiedauer überschritten werden, damit sich ein Therapieerfolg einstellt. Wird diese Konzentration nicht erreicht, nimmt das Risiko einer Resistenzbildung zu. Der Therapieerfolg bleibt aus.

Ein weiteres Problem  besteht darin, dass Antibiotikadosierungen, wie sie der Hersteller empfiehlt, auf der Grundlage der Werte von gesunden Teilnehmern einer Zulassungsstudie für das Medikament festgelegt werden. Verteilung und Ausscheidung der Arzneistoffe bei einem Patienten, der schwerkrank auf einer Intensivstation behandelt wird, sind mit denen eines Gesunden jedoch nicht vergleichbar, variieren stark und lassen sich schwer vorhersehen. 

Ein Lösungsansatz bei β-Lactam-Antibiotika auf der Intensivstation ist die Gabe als kontinuierliche Infusion. Wichtig für den Therapieerfolg ist insbesondere bei Patienten mit einer Sepsis, dass die hemmende Konzentration des Antibiotikums durchgehend gehalten wird. Um dies sicherzustellen und die Medikation kurzfristig auf die sich ändernden Prozesse im Körper des Patienten anpassen zu können, ist es notwendig, die tatsächliche Konzentration im Körper zu untersuchen. Dazu wird eine Blutprobe genommen und die Konzentration des Antibiotikums im Serum in der Apotheke bestimmt. Hierzu wird das Blut vom pharmazeutischen Personal aufgearbeitet, das Antibiotikum mittels HPLC (High Performance Liquid Chromatographie) herausgetrennt und anschließend seine Konzentration gemessen. Aus dem so ermittelten Serumspiegel und den vorliegenden Patientendaten leitet der Apotheker eine konkrete Therapieempfehlung ab. Diesen Befund bespricht er mit dem behandelnden Arzt, der gegebenenfalls unverzüglich eine Änderung der Therapie anordnet.

In ihrer Masterarbeit im Rahmen des berufsbegleitenden Studienganges „Krankenhauspharmazie M.Sc.“ (Titel: Pharmakoökonomische Überlegungen zur kontinuierlichen Infusion von ß-Lactam-Antibiotika unter Serumspiegelkontrolle am Beispiel von Meropenem und Piperacillin/Tazobactam ) untersuchte Anette Woermann, Chefapothekerin im Marienhospital, den Aufwand und das Einsparpotenzial der kontinuierlichen Gabe von β-Lactam-Antibiotika unter Serumspiegelkontrolle. Im Ergebnis arbeitete sie viele Vorteile für Patienten und Krankenhaus heraus: 

  • Die Raten der Unterdosierung werden drastisch reduziert. Da das Erreichen des therapeutischen Levels besser garantiert wird, werden zum einen Therapieversager minimiert und zum anderen wird einer Resistenzbildung aktiv entgegengewirkt.
  • Die Heilungschancen steigen.
  • Überdosierungen und Nebenwirkungen (zum Beispiel eine Schädigung der Nieren) werden vermindert.
  • Die laufenden Kosten werden dank Einsparung von zirka einem Drittel der Antibiotikamenge reduziert.
  • Die Kosten für mögliche Folgetherapien (beispielsweise Reserveantibiotika, bei fehlendem Therapieerfolg durch Unterdosierung oder Behandlung von unerwünschten Nebenwirkungen bei Überdosierung) können entfallen und werden eingespart.


Studien zeigen, dass außerdem Behandlungs- und Verweildauer auf der Intensivstation gesenkt werden können. 

Auf Grund der dafür benötigten apparativen Ausstattung ist die Serumspiegelbestimmung  allerdings nicht in jedem Krankenhaus, in jeder Krankenhausapotheke realisierbar. Diese ist jedoch Voraussetzung für die kontinuierliche Antibiotika-Gabe. Im Marienhospital Gelsenkirchen wurde das Verfahren Anfang des Jahres 2016 implementiert. Trotz erhöhter Personalkosten sowie der notwendigen Investitionen ist dank eines gesunkenen Arzneimittelverbrauchs insgesamt eine Kostenreduzierung zu verzeichnen. Damit gehört das Marienhospital Gelsenkirchen zu den wenigen Krankenhäusern, die ihren Patienten mit β-Lactam-Antibiotika eine optimale Therapie zukommen lassen. Dies ist ein weiterer Baustein des hier seit Jahren gelebten Antibiotika-Managements (Antibiotic Stewardship).